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Zum 100. Geburtstag von David Attenborough

Artifishy Intelligence

 

 

          Von den zwölf Personen, die entlang der Reling der Julia II aufgereiht stehen, blicken die meisten hinaus aufs Meer. Nur am rechten Ende der Reihe verkabeln zwei Männer allerlei Messgeräte auf einem Tisch, und am linken Ende bedient eine Frau ein Tablet. Diese drei sind Mitte Dreißig und damit gut zehn Jahre älter als das Oktett in der Mitte. Die älteste der Gruppe steht neben der Tablet-Nutzerin und verfolgt deren Tun aufmerksam: »Wie lange noch?«

          Die Angesprochene deutet kurz auf den Atlantik hinaus: »Ein paar Sekunden – ganz nach Plan. Unser Sonar ist sehr präzise: Fünfzig Meter … Vierzig …«

          Wind und Wellengang sind mäßig, das Wetter warm und sonnig; so können die Beobachter nun unter Wasser einen Schatten erahnen. Dann durchbricht das zugehörige Objekt die Wasseroberfläche. Der eine oder die andere schreckt prompt ein, zwei Schritte zurück; manche klammern sich noch fester an die Reling. Ein Mann fasst den Eindruck in Worte: »Scheiße, ist das riesig!«

          »Und es ist längst nicht das größte Fangschiff«, erklärt die Tablet-Trägerin stolz. »Die David dort hat eine Länge an Deck von knapp 150 Metern, gut zwanzig Meter mehr als die Julia II. Die Ahab II, der neue Tuna-Suction-Trawler, ist sogar doppelt so lang.«

          »Um das Meer noch gründlicher aussaugen zu können«, bemerkt dazu eine Frau in der Mitte.

          Die Gruppenälteste relativiert dies: »Nun, die Größe ergibt sich ja nicht zuletzt aus den Normen für das Fischbecken. Schließlich liegen zwischen Fang und Verarbeitung an Bord der Mutterschiffe wie der Julia hier zumeist Wochen, und in der Zeit sollten die Tiere auf möglichst schonende Weise gehalten werden, wie es im Seerechtsübereinkommen heißt. Dort ist die Wassermenge vorgegeben. Weiß jemand die Zahl?«

          Ein Mann antwortet sofort: »Mindestens 0,2 Kubikmeter Meerwasser je Kilo Fangmasse.«

          »Seht gut. Und welche maximale Fangmenge ergibt sich damit für die David? Im Vorlesungsskript gibt’s ja eine Tabelle dazu, und, wie gesagt: Das ist prüfungsrelevant!«

          Jetzt muss der Student etwas rechnen: »Äh … Also, das Becken misst 100 mal 50 Meter, ist 10 Meter tief … 250 Tonnen Fisch!«

          »Sehr gut! Das mag nach viel klingen, aber die alten Supertrawler konnten teils über 5000 Tonnen lagern – und all der Beifang aus den Netzen, der vorher über Bord ging, war da gar nicht berücksichtigt. Die ersten drei Punkte heute gehen an dich, Ben.«

          »Danke, Frau Professorin!«

          »Sophia, bitte – und das gilt für alle: Titel sind was für den Hörsaal! Aber so, auf hoher See – und in Badesachen …«

          Sie lässt das Träger-Gummi ihres Einteilers schnalzen, und die Studierenden neben ihr kichern mehr oder minder gelöst. Eine von ihnen zupft nun zwar auch ihren Badeanzug zurecht, blickt aber gleichzeitig weiter auf das aufgetauchte Fangschiff: »Also, wenn ich sonst in ein Schwimmbecken steige, sind da keine Fische drin.«

          Der Student neben ihr gibt sich souverän: »Hey, Bea: Der Seehecht ist harmlos!«

          »Nun, so pauschal würde ich das nicht sagen, Ron«, korrigiert die Professorin. »Der Seehecht ist – wie alle Vertreter der Gattung Merluccius – ein Raubtier. Kennt wer seine bevorzugte Beute?«

          Wieder ist Ben der Schnellste: »Hering.«

          »Richtig; noch ein Punkt«, bestätigt das Sophia, während Ron »Streber!« murmelt. »Dank der gesenkten Fangquoten ist die Durchschnittslänge beim Europäischen Seehecht deutlich gestiegen, liegt aber immer noch unter einem Meter. Aber wir sind ja nicht wegen Merluccius merluccius hier; eher aufgrund des Beifangs. Wer weiß, wie hoch die Beifang-Quote beim Europäischen Seehecht aktuell sein darf? Jemand anders als Ben?«

          »Maximal fünf Prozent«, antwortet jene Skeptikerin in der Mitte. »Bezogen aufs Gewicht.«

          »Sehr gut, Kim: Zwei Punkte.«

          Die Studentin lässt sich ihre Befriedigung nicht anmerken: »Immer noch zu viel. Fünf Prozent, meine ich.«

          »Nun, bei den ersten Suction Trawlern vor zehn Jahren hat man sich ja noch mit Beifang-Quoten von bis zu fünfzig Prozent begnügt. Aber das Gute an künstlicher Intelligenz ist halt ihre Lernfähigkeit – selbst wenn manche sie als ›Artifishy Intelligence‹ veralbern. Und, ja: Ich meine dich, Ralph!«

          Darauf blickt auch einer der Männer am anderen Ende des Grüppchens von seinem Laptop auf, wobei er noch breiter grinst als seine Chefin: »Hey, da ich einer der Programmierer war, darf ich das!«

          »Aber wehe, jemand anders tut das«, bemerkt sein Kollege, während er den Arbeitstisch an der Reling festzurrt.

          »Und recht hat er, Michael«, befindet Sophia. »Inzwischen funktioniert die AFI – kurz für … Na?«

          »Artificial Fishing Intelligence.«

          »Richtig, Bea; ein Punkt – denn wenn ihr das nicht wüsstet … Jedenfalls funktioniert die AFI immer besser. Dank rasch wachsender Datenmenge, verbesserter Kameras und Sonar wird immer weniger Beifang in die Suction Trawler eingesaugt, sondern nur noch jeweils die in der Fanglizenz genannte Spezies. Bei Thunfisch dürfte die Beifang-Quote aktuell unter einem Prozent liegen. Beim Europäischen Seehecht ist das anspruchsvoller wegen der ausgeprägten Ähnlichkeit der verschiedenen Spezies der Gattung Merluccius. Wir dürften heute ja sehen, wer besser ist: Die AFI der David – oder ihr! Bisher haben noch alle aus meinem Kurs die Prüfung bestanden. Ich erwarte, dass das so bleibt! Unser Käpt’n stoppt die Zeit.«

          Dabei deutet Sophia auf die Tablet-Benutzerin: Diese trägt den Schriftzug ›Julia II‹ auf dem Shirt, während bei allen anderen das Universitäts-Logo auf Badehosen und -anzügen prangt. »Also, es dürfte gleich losgehen!«

          Sie schnallt sich die Schwimmbrille um, schiebt sie aber vorerst noch in die Stirn, und fast alle folgen ihrem Beispiel. Die Finger der Kapitänin wandern besonders flott über das Tablet, sobald die David nur noch einen Steinwurf vom Mutterschiff entfernt ist. Darauf wird auf dem Trawler ein engmaschiges Gitter wie eine Pool-Abdeckung aufgerollt, bis nach einigen Minuten das hundert Meter lange Becken offenliegt. Links und recht davon erstreckt sich ein zwei Meter breiter Umgang; vorne und hinten schließen sich zwei 25 Meter lange Abschnitte an, die beide ähnlich hohe stählerne Aufbauten aufweisen. Der Freibord des Trawlers wie seines Mutterschiffes beträgt je zehn Meter, so dass die Decks auf gleicher Höhe liegen.

          »Das ist schon eine Nummer größer als die Neptun«, staunt auch Michael.

          »Nun, die Neptun war ja auch ein Forschungs- und kein Fangschiff«, erinnert die Professorin.

          »Aber wir konnten frei über sie verfügen.«

          »Allerdings. Da sie aber irgendwo auf dem Meeresgrund liegen dürfte … Wir sind der Crew der Julia jedenfalls sehr verbunden für die Kooperation!«

          »Gern geschehen«, entgegnet deren Kapitänin. Kim setzt zu einem Kommentar an, aber ihr Nebenmann kommt ihr zuvor: »Sieht echt aus wie ein XXL-Pool – mit Sprungtürmen vorn und hinten.«

          »Nun, letztendlich ist es ja ein Pool, Arthur«, bemerkt die Professorin. »Nur eben nicht für Menschen.«

          »Man sieht’s.«

          Was Bea meint, ist offensichtlich: Die Wasseroberfläche des Beckens ist bewegter als die des Meeres ringsum, und ab und an tauchen Flossen und Fischköpfe auf.

          Noch genauer kann man dies betrachten, sobald der Trawler mit lautem Zischen am Mutterschiff andockt. Als das Zischen endet, sind die Bewegungen der zwei Schiffe synchronisiert; darauf fährt eine Gangway aus, die die Julia II und die David miteinander verbindet.

          »Anlegemanöver abgeschlossen«, meldet die Kapitänin. »Okay, wie besprochen: Sie haben zwei Stunden, um den Fang zu inspizieren; dann pumpen wir ihn in die Julia II

          Sophie nickt, aber Kim widerspricht: »Echt jetzt? Wir sollen in zwei Stunden erfassen, was das Teil da in zwei Monaten eingesammelt hat?«

          »Das ist der Deal: Zwei Monate Forschung; zwei Monate Fischfang! Seien Sie froh, dass wir Ihnen die David so lange zur Verfügung gestellt haben!«

          »›Zur Verfügung gestellt‹? Sie wurden gerichtlich dazu verdonnert! Und das war echt großzügig, nachdem Ihr die Fang- und die Beifang-Quoten krass überschritten-«

          »Lass gut sein, Kim«, unterbricht sie die Professorin. »Nutzen wir die Zeit! Und vergesst nicht: Es geht darum, die Ergebnisse der Forschungsphase zu erfassen – so wie seinerzeit bei der Neptun. Alle Fänge aus dieser Zeit sollten also Marker tragen; haltet danach Ausschau! Ralph; Michael: Alles klar?«

          »Kann losgehen«, erwidert Ralph. Er und sein Kollege schalten die Computer an; die Kapitänin zieht sich zurück; der Rest wechselt über die Gangway auf die David. Über eine Stahltreppe steigt Sophia als erste ins Becken. »Achtet auf den Rand des Steges! So ohne Geländer …«

          Sie deutet nach unten, eben auf jenen zwei Meter breiten Steg in einem Meter Tiefe, entlang dessen sie nun gen Beckenmitte aquawalkt. Dort kreuzt sich der Längs-Steg rechtwinklig mit einem Quer-Steg, der die Steuer- und Backbordseiten verbindet; an den vier Steg-Enden befindet sich je eine Stiege. Sobald alle beisammen sind, geht Arthur für einige Sekunden in die Knie, um sich unter Wasser umzusehen. »So viel Seehecht … Tausende!«

          »Zehntausende«, widerspricht Kim. Sie greift als erste nach einem Fisch, der um ihre Beine streicht, und hebt ihn hoch; so können alle das zappelnde Tier in Augenschein nehmen: »Und da, schaut: Das erste Tier, das ich erwische, ist verletzt.«

          Der Student neben ihr mustert den knapp einen Meter langen Fisch aufmerksam: »Wo denn?«

          Kim kann nur in die betreffende Richtung nicken, da sie beide Hände braucht, um das zappelnde Wesen festzuhalten: »Na, da hinten: Die hintersten zwei, drei Stacheln der Afterflosse sind abgeknickt. Das war garantiert die Suction Unit; von wegen tierschonender Fischfang! Oder wollt ihr etwa mit Unterdruck in enge Schläuche gesaugt und in ein stählernes Goldfischglas gepumpt werden?«

          »Scheiß drauf! Die landen in zwei Stunden doch eh im XXL-Eisfach der Julia II. Solch sentimentaler Unsinn, der treibt die Fischpreise noch weiter in die Höhe!«

          Die Professorin sieht das sachlich: »Gut beobachtet, Kim: Zwei Extra-Punkte! Aber Phil hat auch nicht ganz unrecht: Das ist Sache der Fischereibehörde. Auf den ersten Blick wirken Fang und Beifang recht vital; es treiben keine toten Fische auf dem Wasser; die Fütterungs-Automaten dürften also funktionieren. Aber zur Sache: Es geht uns um die anderen Arten!«

          »Wie sieht’s hiermit aus, Pro-, äh, Sophia?«

          Darauf wenden sich alle Ben zu, der nun ebenfalls einen Fisch aus dem Wasser hebt. Der ist nur halb so lang wie Kims Exemplar, sieht ansonsten aber sehr ähnlich aus. »Sehr gut. Und was für eine Spezies ist das?«

          »Nun, bei der Farbe … Ich glaube, ein Silber-Seehecht, also Merluccius bilinearis.«

          »Richtig; fünf Punkte! Da sich einige Spezies der Gattung Merluccius hauptsächlich durch die Farbe unterscheiden, hat die AFI der David da Probleme – was bedenklich ist, da Merluccius bilinearis im Unterschied zu Merluccius merluccius ja potenziell gefährdet ist. Nun, zumindest dieses Exemplar wird überleben! Hat es einen Marker?«

          Ben inspiziert jenen Fisch von allen Seiten: »Ich kann keinen finden.«

          »Dann ist es klassischer Beifang. Wirf ihn zurück ins Meer, und weiter geht’s!«

          Ben steigt über die Stiege am Ende des Backbord-Quer-Stegs auf den schmalen Umgang. Von dort schleudert der ›Fischer‹ seinen Fang mit Schwung über den Rand des Trawlers. Er lauscht noch auf den Platsch, mit dem der Fisch im Wasser landet; dann kehrt er zu den anderen zurück. Denen erteilt Sophia nun letzte Instruktionen: »Auch wenn ihr alle euer Freitauch-Training hattet: Ihr müsst es nicht auf zehn Meter runter schaffen. Allerdings halten sich einige Arten bevorzugt am Boden auf.«

          Eine bisher schweigsame Studentin nimmt das Stichwort auf: »Ich sehe da unten was.«

          Prompt taucht sie ab, und die anderen verfolgen gespannt, wie sie tatsächlich bis zum Boden taucht. Was sie dort erspäht hat, ist aufgrund der Wassertrübe und all der anderen Fische nur zu erahnen. Auch die Professorin ist sich erst sicher, als die Taucherin ihren Fund schnaufend aus dem Wasser hebt: »Ah, ein Steinbutt - Scophthalmus maximus. Sehr gut; fünf Punkte, Eva! Ich hoffe, er trägt einen Marker?«

          Die Studentin braucht etwas, um den nagelkopfgroßen weißen Marker zwischen den Schuppen zu finden: »Da ist er.«

          »Gut; er wurde also in der Forschungsphase eingesaugt und markiert. Hätte die AFI diesen Plattfisch mit einem Seehecht verwechselt, könnte man mit Recht von ›Artifishy Intelligence‹ sprechen. Bring ihn zum Messtisch!«

          Stolz trägt die Studentin das armlange, munter zappelnde Tier an den Beckenrand, wo ihn Michael entgegennimmt. Auf dem Weg zur Messstation zupft Ralph den Marker aus dem Fischfleisch. Diesen schiebt er in das Lesegerät eines Laptops, während Michael den Fisch vermisst: »62 Zentimeter lang und … Hör auf zu zappeln! Knapp acht Kilo.«

          »Eine ordentliche Größe«, kommentiert Sophia. »Und weiter, Ralph? Was sagt der Marker?«

          »Gefangen vor 72 Tagen«, liest der Angesprochene vom Monitor ab. »Einige Kilometer westlich von Porto.«

          »Keine Überraschung also. Aber es ist bemerkenswert, dass die David offenbar auch solch einen Plattfisch problemlos einsaugen kann. Dabei hatten wir ja kaum einen Monat, um die Suction Units umzurüsten. Well done, Michael!«

          »Danke! War wirklich-«

          »Wer sagt, dass es problemlos geschah?«, unterbricht Kim den Postdoc, während Ralph den Steinbutt nach der Entnahme einer DNA-Probe zurück ins Meer wirft.

          »Nun, wenn man bedenkt, dass noch vor zwanzig Jahren solche Tiere mit Grundschleppnetzen gefischt wurden, die wahre Unterwasser-Wüsten zurückließen … Aber das sollten wir später ausdiskutieren. Wie gesagt: Wir haben zwei Stunden. Findet so viele markierte Exemplare wie möglich; gebt sie an unsere Postdocs weiter,« wobei Sophia auf Michael und Ralph deutet, »und wer nichts findet, besteht auch die Prüfung nicht!«

          Das lassen sich die Studierenden nicht zweimal sagen: Nach und nach tauchen alle ab und nur dann wieder auf, wenn sie Luft holen müssen oder etwas gefunden haben. Auch Sophia beteiligt sich an der Suche. Nur die Postdocs bleiben auf dem Trockenen; sie kommen kaum damit nach, die Marker auszulesen, DNA-Proben zu entnehmen, die Fänge zu vermessen und dann in die Freiheit zu entlassen.

          Nach eineinhalb Stunden verlässt die Professorin das Becken. »Ihr macht mal schön weiter!«, schnauft sie, während sie ein Handtuch von der Reling nimmt und sich umwirft. »Vor zwanzig Jahren hätte es mir auch nichts ausgemacht, zwei Stunden zu schwimmen und zu tauchen.«

          »Vor zwanzig Jahren?«, stutzt Michael, an dessen Messstation die Professorin nun tritt. »Da glaubte ja noch keiner, dass AI beim Fischfang angewandt werden könnte – nur du, ein paar Kollegen und einige ›grüne und linke Spinner‹.«

          »Und fünf Jahre später haben wir mit der Neptun das Gegenteil bewiesen«, stimmt die Professorin mit einer Mischung aus Wehmut und Stolz zu. »Wenn ich an all die Publicity zurückdenke, von der die erste Fahrt der Neptun begleitet war … Vor lauter Interviews kam ich kaum dazu, bei der Auswertung des Fangs mitzuwirken. Und heute ist das Alltag! Aber mal schauen; vielleicht entdecken wir auch diesmal wieder eine neue Art.«

          Darauf blickt Ralph grinsend von seinem Rechner auf: »Apropos: Das da brachte Phil an; es trieb in einer Ecke des Beckens. Zählt das als neue Art?«

          Er klappt den Notebook-Monitor nach vorne und holt etwas hervor, was er an seine Chefin weiterreicht. Die blickt verblüfft auf das handtellergroße Objekt: »Ein Gummi-Fischchen? So was für die Badewanne? Sozusagen Makro-Plastik …«

          »Schau dir das mal genau an!«

          Die Professorin tut es – und wird fündig: »Aber … Da sitzt ein Marker dran. Nein, zwei!«

          »Das ist ein Friendly Floatee«, erklärt Michael. »Davon wurden 1992 zigtausende von einem Containerschiff über Bord geschwemmt. Am bekanntesten sind sicher die gelben Quietscheentchen, aber es gab auch grüne Frösche, blaue Schildkröten, rote Biber – und eben schwarze Fischchen. Okay, der hier ist inzwischen eher hellgrau, aber ich bin mir sicher: Das ist einer davon.«

          »Also, da hat die AFI der David offenbar versagt – und die Marker-Anlage.«

          »Nein, nein: Es ist ein Marker hier von der David – und einer von der Neptun

          »Sicher?«

          »Sicher! Ich war für meine Diss ja am Design der Marker beteiligt.«

          »Aber … Konntet ihr den auslesen?«

          Michael schüttelt den Kopf: »Keine Chance.«

          »Nun, die waren ja nie dafür gedacht, die Daten für Jahre zu speichern – höchstens sechs Monate. Aber trotzdem: Wenn dieses Teil schon an Bord der Neptun war … Das muss jedenfalls bei deren letzten Fahrt gewesen sein. Wobei ja auch bei der ersten Forschungsfahrt einiges im Sammelbecken der Neptun landete, was da nicht hingehörte: Zwei Kleinwale, Treibgut, Plastikflaschen – und sogar ein Ruderboot wie ein Modellschiff! Kinderkrankheiten …«

          »Sie sollte ja auch nach unbekannten Arten suchen«, verteidigt Ralph seine Kollegen. »Und wie erklärt man einer AI, was ein Fisch ist? Angesichts der Vielfalt dieser Tiergruppe …«

          »Jedenfalls ist das unsere erste Spur, was das Verschwinden der Neptun vor über acht Jahren betrifft.«

          »Vielleicht hat sich beim Sinken das Becken geöffnet«, spekuliert Michael.

          »Unwahrscheinlich; so was sollte die Selbstreparatur-Funktion verhindern. Und als die Neptun aus dem Pazifik zurückkam, war alles okay; die Solarzellen lieferten noch 80 Prozent ihrer Leistung. Nach den Satellitendaten tauchte sie noch fünfmal im Atlantik auf, um die Batterien aufzuladen – und dann nichts mehr.«

          »Hältst du es für Zufall, dass erst danach auch kommerzielle Suction Trawler ebenso spurlos verschwanden?«, raunt Ralph. »Zuerst ein Herings-Trawler, und dann …«

          »Dann gleich noch so einer, einer für Plattfisch, drei für Sardinen, der Tuna-Trawler Ahab I – und als letztes die Richard, das Schwesterschiff der David«, ergänzt Michael.

          »Insgesamt also acht«, konstatiert Sophia. »Nun …«

          »Neun, fürchte ich.«

          Ruckartig drehen sich die drei Akademiker zur Kapitänin herum, die unbemerkt an sie herangetreten ist: »Wie bitte?«

          »Die Joab – unser Trawler für Atlantischen Lachs – ist überfällig: Sie hätte vor drei Tagen auftauchen sollen, um die Batterien zu laden. Aber deswegen komme ich nicht.«

          »Ja, unsere Zeit ist fast vorbei. Aber wir dürften sie gut genutzt haben. Wie viele Exemplare aus der Forschungsphase konnten wir identifizieren, Ralph?«

          »Knapp hundert; über 300 Punkte wurden vergeben. Ganz genau-«

          »Nein, deswegen auch nicht«, unterbricht ihn die Kapitänin, wobei sie auf ihr Tablet deutet. »Unser Sonar zeigt das Signal eines Objektes an, das sich unter Wasser nähert.«

          »Mit gut zwanzig Knoten«, bestätigt das Sophia nach einem Blick auf den Bildschirm. »Könnte das ein Heringsschwarm sein?«

          »Nein: Es ist ein einzelnes Objekt.«

          »Aber was könnte so groß und so schnell-«, beginnt Michael, doch nun unterbricht ihn seine Chefin: »Dürften wir früh genug erfahren. Zuerst raus aus dem Wasser!«

          Sie legt das Gummitier zurück, tritt an die Reling, greift zur Trillerpfeife, die dort neben den Handtüchern hängt, und bläst für einige Sekunden aus Leibeskräften. »Raus; alle raus: Sofort!«, ruft sie, sobald sie die Aufmerksamkeit der Schwimmer hat. Dann tritt sie an die Gangway und treibt ihre Studierenden zur Eile an. »Schnell, Kim! Fehlt noch wer?«

          »Ben und Eva sind noch unten«, keucht die Studentin. »Da sind echt viele Plattfische.«

          »Sie sollen- Oh mein Gott: Was ist das!?«

          Denn nun durchbricht zwei, drei Steinwürfe neben der David ein Objekt die Wasseroberfläche, mit dem auf Anhieb niemand etwas anfangen kann; selbst die Größe wird erst deutlich, nachdem die gröbste Gischt verweht ist. Ein paar Sekunden sind alle sprachlos; dann reden die Augenzeugen wild durcheinander: »Das ist ja … Wie ein Flugzeugträger … Nein, größer: Viel größer … Ein U-Boot … Was für ein Kasten … Wo ist da oben … Ein schwimmender Schrottplatz!«

          Die Kapitänin erkennt in dem Gefährt etwas wieder: »Das … Das ist die Ahab I – aber nicht nur die!«

          Phil mag es nicht glauben: »Der Tuna-Trawler? Ging der nicht im Pazifik verschollen?«

          »Schon. Aber da rechts ist der Name gepinselt – verkehrt herum!«

          Auch Sophia kommt etwas bekannt vor: »Und oben drauf sitzt ja auch die Neptun – neben den Aufbauten und hinter dem Gewirr an Solar-Paneelen! Das ist-«

          Aber es bleibt keine Zeit für lange Betrachtungen, wie die Kapitänin rasch erkennt: »Das Teil hält auf die David zu! Wir- Was tun Sie da!?«

          Letzteres richtet sich an die Professorin, denn die eilt nun zurück auf den Trawler: »Ich habe bisher noch alle Studenten durch meine Kurse durchbekommen!«

          Dann kopfspringt sie ins Becken der David, begleitet vom Geschrei ihrer Studierenden.

          »Was ist los?«, ruft Ben atemlos; da der Wasserspiegel einige Dezimeter unter dem Rand des Beckens liegt, können er und Eva die Ahab nicht sehen.

          »Haltet euch fest!«, ruft Sophia zwischen zwei Armzügen. »Wir- Da, geht schon los!«

          Die drei schaffen es gerade noch, sich an der Stiege auf der Backbordseite festzuklammern, ehe es ungemütlich wird: Ein heftiger Ruck geht durch die David; das Wasser im Becken beginnt wild hin und her zu schwappen, und die Gangway schnellt in hohem Bogen davon.

          »Dieses … ›Ding‹; es hat uns gerammt«, folgert Sophia. »Es trennt uns von der Julia

          »Was für ein Ding?«, schreit Eva, um das aufschreiende Blech der David zu übertönen.

          »Ein anderer Trawler. Bei dem dürfte, na ja …«

          Eine befriedigende Antwort hat sie nicht. Gleich darauf ändert sich die Lage aber auch schon wieder, wie Ben bemerkt: »Wir stehen. War’s das?«

          »Das dürfte nur … Festhalten!«

          Das Wasser im Becken hat sich noch nicht beruhigt, da beginnt das ganze Schiff entlang der Längsachse zu kippen. Immer schneller schwappt das Wasser in die Steuerbord-Hälfte des Beckens und zurück ins Meer. Rasch ist die Stiege freigelegt; dann fällt nach und nach der Quer-Steg auf der Backbordseite trocken, während die Steuerbordseite untertaucht. Mit zunehmender Schräglage füllt wiederum Meerwasser das Becken. Sophia, Eva und Ben klammern sich mit allen Gliedmaßen an die Stiege; so können sie von oben verfolgen, wie die verbliebenen Fische teils aus dem Becken gespült werden, teils aktiv das Weite suchen. Als die David dann senkrecht im Wasser steht, ist gerade die Kreuzung von Quer- und Längs-Steg wieder im wild wabernden Wasser versunken.

          Als der Trawler noch weiter kippt, bis Ben, Eva und Sophia über freiem Wasser hängen, reagiert letztere: »Auf drei lassen wir los! Eins …«

          Ben ist entsetzt: »Was? Aber … Das sind zwanzig Meter nach unten!«

          »Mehr!«

          »Und dann taucht ab und schwimmt weg von dem Teil! Zwei … Drei!«

          Sophia lässt los, freifällt für zwei Sekunden und landet dann – Füße voran – im Meer. Eva folgt, kurz bevor die Professorin wieder auftaucht, Ben direkt danach. Dann tauchen sie fast synchron ab – ohne noch einmal nach oben zu blicken: Denn sie merken auch so, wie sich der Schatten der David über sie schiebt.

          Als die drei fünf Meter tief sind, klatscht über ihnen der Suction Trawler unüberhörbar zurück ins Wasser. Das Trio taucht noch etwas tiefer, um dem Gefährt auszuweichen – jedoch nicht zu tief: Denn nun sieht man, wie sich etwas von unten her nähert. ›Die Ahab‹, denkt Sophia. Zugleich beschleunigen Eva und Ben noch etwas, und ihre Professorin hat Mühe, mitzuhalten.

          Die drei tauchen so spät als möglich auf. Wiederum gleichzeitig drehen sie sich dann um. So sehen sie, wie die David kielaufwärts im Wasser liegt; die zehn Ansaug-Schläuche auf der Backbord-Seite schnellen und schlackern durch die Luft wie epileptische Skydancer.

          Sophia ahnt aber, dass dieses Spektakel nicht mehr lange zu bewundern sein wird: »Weg hier!«

          Die drei kraulen weiter; sie stoppen auch nicht, als es hinter ihnen zu klatschen, zu schwappen und zu rauschen beginnt, als würde eine Herde Elefanten per Arschbombe ins Wasser springen, um sich dann im Synchronschwimmen zu üben.

          Erst nach einer Minute stoppt das Trio, um sich wieder umzudrehen – gerade noch rechtzeitig, um die Aufbauten der David in der Ahab verschwinden zu sehen: Letztere ist direkt unter ersterer aufgetaucht; so saugt nun der Tuna- den Seehecht-Suction-Trawler ein. Darauf tauchen noch für einige Sekunden drei Enden der Thunfisch-Ansaug-Schläuche auf, und als letzten Gruß der David verspritzen die Pipeline-starken Schläuche hektoliterweise Wasser, in dem sich einige Seehechte tummeln – und auch andere Arten, wie Ben erkennt: »Ist das ein Delfin da?«

          Sophia spuckt und prustet etwas, ehe sie antworten kann: »Delphinus delphis; seht gut! Prüfung bestanden, würde ich ja sagen – wobei ich mir nicht mehr sicher bin, wer oder was hier geprüft wurde!«

          Eva starrt weiter auf die Ahab I, von der her man es nun penetrant quietschen hört: »Was passiert da?«

          »Das dürfte die sich schließende Becken-Abdeckung sein. Könnte etwas Schmieröl gebrauchen – oder Fischöl!«

          »Statt Fischen fängt dieses Teil andere Trawler«, staunt Ben. »Wieso?«

          »Nun, nach dem Chaos auf dem Deck da sammelt es deren PV-Anlagen ein«, folgert Sophia; tatsächlich kommen die Solarpaneele beim Abtauchen in größerer Zahl ins Blickfeld der drei Schwimmer. »Und mutmaßlich auch die Batterien. Dürfte ein Effekt des Selbstreparaturfunktion und des Sammeltriebs der AFI sein – wobei man da nun wirklich von Artifishy Intelligence sprechen könnte.«

          »Sammeltrieb? Du meinst, das Teil da sammelt statt Fischen nun andere Schiffe ein?«

          »Wäre jedenfalls nachvollziehbar, wenn eine Maschine andere Maschinen viel interessanter findet. Irgendwie auch unser Glück!«

          »Wir sind fast draufgegangen!«

          »Aber eben nur fast – und die Seehechte sind eh so munter wie … Na ja, wie Fische im Wasser. Diesem … diesem Ding da unten ging’s um die David; wir wurden, nun ja …«

          Eva begreift: »Wir wurden als Beifang aussortiert. Oder als unverdauliche Reste ausgeschieden.«

          Jetzt versteht auch Ben: »Wir sind … Au, Scheiße!«

          »Ganz genau – nur dass Scheiße nicht schwimmt. Aber da kommt Hilfe!«

          Und synchron drehen sich die drei zu dem sich rasch von der Julia II her nähernden Rettungsboot um.

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